Freitag, 23 Oktober 2020
Blickwinkel

Über eine stolze Krebspatientin

Ein Porträt

Als Familienmutter ist Susanne Bauer sanftmütig, kleinlaut und unsicher, als Brustkrebspatientin ist sie stark, aufgeschlossen und selbstbewusst.
Frau Bauer sitzt aufrecht auf einem Klappstuhl inmitten der Wiese ihres bunt blühenden Gartens. Vor ihr ein Holztisch, auf dem ein Modemagazin aufgeschlagen liegt. Sie trägt eine auffallend pinke Hose, durch die ihre schlanken Beine hervorgehoben werden. Das hellblaue Top weist schmale Schweißränder unter den Achseln auf. Lange, blonde Locken fallen über ihre Schultern und verleihen ihrer schmalen Erscheinung Volumen.
Sie streicht sich die leicht verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre Augen sind weit geöffnet, der Oberkörper aufrecht nach vorne gelehnt. Während sie ihre Tochter beim Schaukeln beobachtet, zeigen ihre Mundwinkel nach oben. Mit ihren Händen umfasst sie das vor Kälte beschlagene Glas Limonade.
Erneut fasst sie sich an die Stirn, um die aufkommenden Schweißperlen vom Hinunterlaufen abzuhalten. Ihr Blick geht hinter den niedrigen Gartenzaun auf die Straße, wo er vorbeigehenden Passanten begegnet. Mit zusammengekniffenen Augen hält sie kurz die Luft an. Dann zuckt sie die Achseln, während sie die Luft wieder ausstößt.

„Ach was soll‘s, ich brauche mich nicht zu verstecken“,

sagt Frau Bauer mit lauter Stimme, während sie mit einem breiten Lächeln ihre Perücke abzieht. Sie schüttelt ihren kahlen Kopf, als wenn sie lange Haare aus einem Zopf befreit hätte. Die Passanten auf der Straße gucken sie ungläubig an. Einer der Männer bleibt abrupt stehen, während ihm die Kinnlade herunter klappt. Frau Bauer sieht seine Reaktion und legt ein breites Grinsen auf. Winkend ruft sie ihm fröhlich entgegen: „Das ist ganz normal, ich bin nicht die einzige Frau mit Brustkrebs!“
Sie steht auf. Mit schnellem Schritt geht sie ins Haus, durch das Wohnzimmer, vorbei am Kellerabgang in den Flur, wo sie plötzlich inne hält. An der Wand hängen zwei mit breiten Balken umrahmte Familienporträts.
Das Linke zeigt die Familie, als die Kinder noch jünger waren. Herr Bauer hält ein Kleinkind mit wilden braunen Locken und einem roten Hosenanzug vor sich an den Händen. Daneben steht seine Frau, die sich offensichtlich bedeckt im Hintergrund hält. Eine hüfthohe Gartenpflanze versteckt geschickt ihre Beine. Auf ihrem Arm trägt sie einen Säugling, der ihren Oberkörper komplett verdeckt. Auf dem Foto ist die Familienmutter kaum zu sehen. Auch ihr Gesicht wird größtenteils von Haarsträhnen verdeckt. Während Frau Bauer ihren Ehemann unsicher anschaut, strahlt dieser durch sein Lächeln große Zufriedenheit aus.
Im Kontrast hierzu steht das daneben hängende Familienfoto, das bei Betrachten der im Garten spielenden Tochter erst vor Kurzem geschossen wurde. Die Kinder knien auf dem Boden, werfen ihre Arme in die Luft und reißen die Augen weit auf. Mittig dahinter steht Frau Bauer – aufrecht, mit einem breiten Lächeln und direktem Blick in die Kamera. Ihr Ehemann befindet sich hinter ihr und ist somit kaum sichtbar. Seine linke Hand liegt an ihrer Hüfte, wo die beiden ihre Hände ineinander verschränken. Die andere liegt auf ihrer Glatze. Sein Kopf lehnt an ihrer Schulter, mit dem Mund küsst er ihren Hals.

„Es wirkt, als wären dies Fotos zweier verschiedener Familien“,

murmelt die Familienmutter nachdenklich vor sich hin.
Sie streift mit dem Finger langsam über das Gesicht ihres sie küssenden Ehemannes. Dann dreht sie sich in Richtung Treppenaufgang und ruft mit lauter Stimme: „Schatz, sollten wir das alte, olle Familienbild nicht langsam mal abhängen?“
Auf eine Antwort wartet sie nicht. Sie nimmt das alte Familienbild von der Wand und geht erneut mit schnellem Schritt in Richtung Garten. Über Terrasse und Wiese steuert sie vorbei an der Schaukel schnurstracks auf die Mülltonnen zu. Ihre Tochter schaut sie mit ungläubigen Augen an. Die Mutter reißt den Deckel der schwarzen Tonne auf und wirft das große Familienbild samt Rahmen mit Kraft hinein.
Die Tochter springt von der Schaukel, rennt auf die Mutter zu und fragt, warum sie das tue. Als Frau Bauer ihr erklärt, sie wolle von ihrem alten, unsicheren Ich nichts mehr wissen, fangen die Augen ihrer Tochter an zu strahlen.

„Der Krebs hat dich so unglaublich schön gemacht, Mama!“

Mein lieber Leser,
ich möchte mich dafür bedanken, dass du dir Zeit für diesen Beitrag genommen hast.
Nun frage ich dich: Ist dieses Porträt gelungen? Ist es ausdrucksstark? Gut geschrieben? Oder zu kritisieren? Findest du es korrekt, eine tödliche Krankheit aus einer positiven Perspektive zu beleuchten? Was ist verbesserungswürdig?
Lass es mich wissen. Ich freue mich auf deinen Kommentar!

1 Comment

  • Liebe Autorin,
    dieses Portrait hat mich sehr bewegt. Da ich selbst Familienmutter bin, kann ich mich ganz gut in diese Frau hineinversetzen und nachempfinden, wie ihre Rolle während der Kleinkindphase ihrer Kinder war. Eine Mutter nimmt sich immer zurück und ist froh, wenn es den Lieben um sie herum gut geht. Aber dafür tut sie mir auch leid, denn eigentlich muss das gar nicht sein, sondern es handelt sich hier um eine tradierte Haltung. Moderne Frauen organisieren ihr Leben heute anders. Die schlimme Erkrankung hat Frau Bauer nun selbst in den Mittelpunkt gerückt und ungeahnte Kräfte und Charakterstärke hervorgebracht. Das beeindruckt mich sehr. An Herausforderungen wird man groß. Insofern finde ich es absolut korrekt und ermutigend, die positiven Nebenaspekte einer schweren Krankheit zu beschreiben. Die reiche Wortwahl gefällt mir sehr gut. Ich saß wie gebannt vor der Beschreibung der Situation, denn die gegensätzlichen Adjektive haben ihre Aufregung fast fühlen lassen. Ich empfinde dieses Portrait als sehr ausdrucksstark und wünsche dieser Frau, dass sie wieder ganz gesund wird und ihr neu gewonnenes bzw. erkämpftes Selbstbewusstsein umsetzen kann und ihren Töchtern weiterhin vorleben kann. Denn das ist für mich auch eine wichtige Message: Eltern kümmern sich aufopferungsvoll um ihre Kinder, sollten aber trotzdem sich selbst nicht vergessen und ihre Persönlichkeit weiter entwickeln. Dies ist von Vorteil für die Kinder und auch für die Beziehung der Ehepartner.

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